Inannas Abstieg in die Unterwelt, Inannas Aufstieg aus der Unterwelt
Im vierten Teil des Inanna-Mythos, auf dem Höhepunkt ihrer Macht, erfolgt Inannas Abstieg in die Unterwelt. Im ersten Teil brachte Inanna eine Ordnung in die Welt. Im zweiten Teil krönte sie sich selbst und bekam die ME, die Gesetze des Himmels und der Erde. Im dritten Teil hielt sie Hochzeit mit dem Hirtengott Dumuzi.
Inannas Abstieg in die Unterwelt
Nun, auf dem Höhepunkt ihrer Macht und Kraft beschließt Inanna, in die Unterwelt hinabzusteigen. Was ist die Unterwelt? In vielen alten Kulturen gab es eine Dreiteilung in obere, mittlere und untere Welt, zusammengehalten durch einen Weltenbaum. Die Unterwelt ist nicht die christliche Hölle, denn die Einteilung in Gut und Böse kam erst mit den patriarchalen Religionen auf. Die Dreiteilung in obere, mittlere und untere Welt ist dagegen neutral. In einer ganzheitlichen Naturreligion hat alles seinen Platz (Thomas Höffgen, Der verteufelte Waldgott, S. 92 für die germanische Naturreligion).
Was wollte Inanna in der Unterwelt? Inanna wußte, daß der Abstieg in die Unterwelt gefährlich ist – auch für sie als Göttin. In vorpatriarchalen Kulturen waren auch Göttinnen und Götter sterblich. Sie standen mitten im Leben. Die Göttin schafft alles, aber sie erleidet auch alles (Heide Göttner-Abendroth, Inanna – Gilgamesch – Isis – Rhea, S. 42).
Inanna wußte, daß aus der Unterwelt noch niemand zurückgekehrt ist. Inanna wußte auch, daß mit Ereschkigal, der Herrscherin der Unterwelt, nicht zu spaßen ist. Vielleicht treibt Inanna einfach die Neugier in die Unterwelt. Nachdem sie im Himmel und auf der Erde unbeschränkte Herrscherin ist, will sie eventuell weitere Gebiete erforschen. Vielleicht will sie die Gesetze des Todes kennenlernen (Heide Göttner-Abendroth, Inanna – Gilgamesch – Isis – Rhea, S. 41). Und vielleicht will Inanna diese auch selbst zu beherrschen lernen und dadurch ihren Herrschaftsbereich auf die Unterwelt ausdehnen, so wie das am Ende auch geschieht. Fakt ist jedenfalls, daß Ereschkigal den schwarzen Aspekt der Großen Göttin verkörpert, den Wandlungsaspekt.
Was sind die Gesetze des Todes, die Inanna kennenlernt? 1. Der Tod trifft jeden Menschen, unabhängig von Geschlecht und Position im Hier und Jetzt. 2. In die andere Welt gehen wir alle nackt und gebeugt. Irdische Schätze haben keinen Wert in der anderen Welt. 3. Übrig bleibt unsere Essenz, unser Wesenskern. Mit diesem werden wir neu geboren.
Inannas Aufstieg aus der Unterwelt
Denn: Ja, es klappt, Inanna kommt aus der Unterwelt wieder frei! Nachdem Ereschkigal Inanna getötet hat und Inanna für drei Tage als faules Fleisch am Haken hin, helfen ihre Gefährtin Ninschubur und Enki, der Gott der Weisheit. So, wie auch Jesus nach drei Tagen auferstanden ist, darf Inanna auferstehen. So ist der vierte Teil des Inanna-Mythos ein Wiederauferstehungsmythos. Inanna stirbt und die Todesgöttin Ereschkigal gebärt sie wieder! Der 4. Teil des Inanna-Mythos paßt daher sehr gut in die Zeit der Wintersonnenwende.


