Trauma: Entstehung, Wirkung, Verarbeitung

Ein zusammengekauerter Mensch

Der Begriff “Trauma” ist in aller Munde. Viel ist auch von der Regulierung des Nervensystems die Rede. In diesem Blog geht es darum, wie ein Trauma entsteht, welche Wirkungen ein unverarbeitetes Trauma im Alltag hat und wie die Methode der Systemischen Selbst-Integration zur Traumaverarbeitung beitragen kann.

Wie entsteht ein Trauma?

Trauma kommt aus dem Griechischen und heißt Verletzung, Wunde. Der Begriff wird nicht nur für Verletzungen der Psyche, sondern in der Medizin auch für körperliche Verletzungen verwendet. In diesem Blog geht es um psychische Traumata.

Ein psychisches Trauma entsteht durch ein Vorkommnis, das so ausweglos und überwältigend ist, dass das Gehirn die dadurch hervorgerufenen Gefühle wie Angst, Ohnmacht, Hilflosigkeit nicht direkt verarbeiten kann. Ein wichtiges Kriterium dafür, ob ein Trauma entsteht, ist das subjektive Empfinden des betroffenen Menschen, dass er die Situation, der er ausgesetzt ist, nicht kontrollieren kann (Thomas Hensel, Stressorbasierte Psychotherapie, 2. Auflage 2020, Kapitel 3).

Schaut man auf die körperliche Ebene, so wird das Trauma nicht allein durch das schlimme Ereignis hervorgerufen, sondern durch eine Überforderung des Nervensystems, das die schreckliche Erfahrung in diesem Moment nicht verarbeiten kann. Die natürliche Stressreaktion des Körpers (Kampf oder Flucht) wird blockiert. Der Mensch geht in die Erstarrung, so wie manche Tiere einen Totstellreflex haben. Die Stressenergie bleibt dadurch im Körper gespeichert. Da die Stressenergie nicht entladen wird, zum Beispiel durch emotionales Verarbeiten der Situation, manifestiert sich die Verletzung im Organismus.

Der Körper bekommt keine Meldung, dass das Ereignis vorüber ist und eine Normalisierung der Stressreaktion stattfinden kann. Das Ereignis bleibt als gegenwärtig abgespeichert und kann in entsprechenden Situationen getriggert werden. Das Gehirn sagt nicht: „Das ist passiert.“, sondern es verbleibt beim: “Das kann alles nicht wahr sein.“ Das Lebensgefühl eines traumatisierten Menschen entspricht einer Fahrt mit der Achterbahn. Sein Nervensystem befindet sich nicht mehr oder nur noch höchst selten im Gleichgewicht, sondern schwankt von einem Zustand der Übererregung zu einem Zustand der Untererregung (Dami Charf, Auch alte Wunden können heilen, S. 19, 2018).

Ein unverarbeitetes Trauma ist somit ein Körperzustand, bei dem das System im Überlebensmodus feststeckt, und keine rein psychische Störung.

Ein Kopf. Im Gehirn steht das Wort "Trauma"

Welche Wirkungen hat ein Trauma?

Ein als unverarbeitet im Körper gespeichertes Trauma mindert unsere Fähigkeit, präsent und vollständig verkörpert zu sein. Es leidet darunter auch unsere Fähigkeit, auf andere einzugehen und uns mit ihnen auf gesunde Art verbunden zu fühlen.

Ist die frühe Kindheit stressbelastet, so bildet sich eine geringere Schwingungsbreite des autonomen Nervensystems heraus. Das autonome Nervensystem hat die Aufgabe, unsere Erregung zu steuern und zu modulieren, also sowohl unsere Wach- als auch unsere Entspannungszustände. Es heißt »autonom«, weil es sich dadurch auszeichnet, dass es nicht direkt willentlich beeinflusst werden kann. Im autonomen Nervensystem wirken Sympathikus und Parasympathikus zusammen.

Während der Sympathikus für angenehme Erregung, Neugier, Freude und Aktionspotenzial zuständig ist, sorgt der Parasympathikus für wohlige Entspannung, erholsamen Schlaf, meditative Ruhe sowie Gefühle von Verbundenheit. Ein gesundes autonomes Nervensystem flexibel und damit fähig, in beide Richtungen zu schwingen. Menschen mit einer größeren Schwingungsbreite können mehr Gefühle, d.h. Erregung zulassen, ohne dass es sie stresst. Sie können stärkere Glücksgefühle empfinden und auch mehr Stress aushalten als Menschen mit einem schmalen Toleranzfenster. Um innerhalb des Toleranzfensters zu bleiben, müssen wir uns ständig regulieren.

Wir alle fühlen uns am wohlsten, wenn wir uns im Rahmen unseres Toleranzfensters bewegen, und streben diesen Zustand an. Das bedeutet gleichzeitig, dass wir uns ununterbrochen so regulieren müssen, dass wir innerhalb des Fensters bleiben. Dazu müssen wir ständig Kontakt mit unserem Körper, unseren Gefühlen und Bedürfnissen halten, um eine innere Dysregulation sofort ausgleichen zu können.

Ist ein unverarbeitetes Trauma im Körper abgespeichert, passt sich das Nervensystem des Sympathikus nicht mehr automatisch den realen Gegebenheiten an. Es ist in einer Schleife aus erhöhter Wachsamkeit und damit Aktivierung gefangen. Es gibt keine Entwarnung und damit kommt der Mensch nicht zur Ruhe, selbst wenn die äußeren Bedingungen günstig sind. Anstatt sich am Abend, am Wochenende oder im Urlaub zu entspannen, steht der Mensch unter einer ständigen inneren Anspannung. Nach einem traumatischen Erlebnis konzentriert sich der Körper darauf, das Chaos im Inneren zu bezwingen (Bessel van der Kolk, Verkörperter Schrecken – Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann, 7. Auflage 2021, S. 68).

Wird der Stresspegel zu hoch, so überschreiten wir den Toleranzbereich. Wutausbrüche, Vermeidung sozialer Kontakte, chronische Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwäche etc. sind die Folgen. Wird der Stresslevel auf Dauer so hoch, dass das Toleranzfenster ständig überschritten ist, so sind Burnout, Angst- und Panikzustände, Depressionen, chronische Verspannung etc., aber z.B. auch ein inneres Gefühl von Abgeschnittensein. Damit das Trauma nicht getriggert wird, versucht die Person Trigger zu vermeiden, d.h. sich nicht in Situationen zu begeben, die das Trauma aktivieren.

Trauma im medizinischen Klassifikationssystem (ICD 10 und 11)

Das in Deutschland derzeit geltende medizinische Klassifikationssystem ICD 10 und die zugehörigen diagnostischen Anleitungen beschreiben ein Trauma als „[…] ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.“ (Dilling, H., Freyberger H.: Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen, 9. Aufl.). Dazu zählen Naturkatastrophen oder menschlich verursachtes schweres Unheil (man-made disaster), wie Kampfeinsätze, schwerer Unfall, Beobachtung des gewaltsamen Todes anderer oder Opfersein von Folter, Terrorismus, Vergewaltigung, Misshandlungen oder anderen Verbrechen. Dieses sogenannte „Schocktrauma“ wird traditionell als Trauma eingeordnet.

In der Neufassung ICD 11 ist anerkannt, dass ein Trauma auch durch wiederholte oder anhaltende traumatische Ereignisse ausgelöst werden kann, denen Betroffene oft nur schwer oder gar nicht entkommen können und die ein hohes Stressniveau zur Folge haben. Beispiele für solche Ereignisse sind Völkermord, Sklaverei, Folter, wiederholter sexueller Missbrauch oder anhaltende häusliche Gewalt.

Allerdings können auch sich wiederholende Ereignisse, die nicht eine solche Intensität, aber ein subjektiv hohes Stressniveau haben, eine Traumatisierung auslösen. Dies gilt vor allem für Bindungs- und Entwicklungstraumata. Diese können durch sich wiederholende Ereignisse in der Kindheit entstehen, die aus der Sicht eines Erwachsenen nicht gefährlich sind, einfach, weil sie der Programmierung des kindliches Systems und damit dessen Bedürfnissen widersprechen. Ein Entwicklungstrauma geht über einzelne Ereignisse hinaus; es betrifft vielmehr die Störung der Beziehungsentwicklung. Stichworte für eine gesunde Beziehungsentwicklung sind Bonding, Bindung und Verbundenheit. Ein starkes Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit ist die beste Vorbeugung gegen ein Entwicklungstrauma – ebenso wie eines der stärksten Mittel, um es zu heilen (Kathy L. Kain / Stephen J. Terrell, Nurturing Resilience – Helping Clients Move Forward From Developmental Trauma, 2018, S. 22).

Ein Entwicklungstrauma kann entstehen, wenn Babys nicht genügend Körperkontakt bekommen, sie schreien gelassen werden, sich Kinder zu wenig gesehen fühlen, es Bindungsunterbrechungen gibt, wie Krankenhausaufenthalte, etc (Charf, D., Auch alte Wunden können heilen, S. 19, 2018). Da der Mensch noch wie in der Steinzeit tickt, empfinden Babys Todesangst, wenn sie zum Schlafen im Nebenzimmer abgelegt werden. Babys sind so programmiert, dass sie durch Schreien auf sich aufmerksam machen müssen, wenn sie irgendwo allein zurückgelassen zu werden. Sie haben Todesangst wenn sie nicht spüren, dass ihre Bezugsperson in der Nähe ist. Denn das Allein-Zurückgelassen-Werden bedeutete für die Babys in der Steinzeit den Tod. Hören Babys in dieser Situation also auf zu Schreien, dann aus Erschöpfung.

Die Diagnose „Entwicklungsbezogene Traumafolgestörung“ ist nicht Bestandteil des ICD (und auch nicht des in den USA angewandten Klassifikationssystem DCM – Bessel van der Kolk, Verkörperter Schrecken, S. 203). Mit der Methode der Systemischen Selbst-Integration ist es möglich, ein Entwicklungstrauma – ebenso wie alle anderen Traumata – zu be- und verarbeiten.

Aufstellung mit der Methode der Systemischen Selbst-Integration

Traumata verarbeiten

Die gute Nachricht: Die Reaktionen des Nervensystems auf ein im Körper noch unverarbeitet abgespeichertes Trauma sind angelernt und nicht genetisch bedingt. Alles, was der Körper gelernt hat, kann er anders lernen. Das heißt, die Traumareaktionen lassen sich ändern (Pete Walker, Complex PTSD: From Thriving to Surviving, 2014, S. 1).

Da allerdings das Trauma im Körper (im Nervensystem und im Gehirn) gespeichert ist, kann es nicht durch Gesprächstherapie aufgelöst werden. Die zu dem traumatischen Ereignis gehörigen negativen Gefühle, die der Körper während des traumatischen Ereignisses nicht spüren konnte sind abgekapselt im Gehirn gespeichert. Die Kapsel muss in einem sicheren Raum vorsichtig geöffnet werden, damit der Körper die abgespeicherten Gefühle nach und nach ausschleusen und spüren kann – was damals nicht möglich war.

Die Methode der Systemischen Selbst-Integration, entwickelt von Dr. Ernst Robert Langlotz, ist eine Methode, mit der man an die abgekapselten Gefühle herankommt, ohne eine Retraumatisierung hervorzurufen. Die Erfahrung lehrt, dass die Methode bei frühen Bindungs- und Entwicklungstraumata hilfreich eingesetzt werden kann (Ernst Robert Langlotz, https://www.youtube.com/watch?v=0hnsU5s09DM).

Mit der Methode der Systemischen Selbst-Integration nach Dr. Langlotz werden innere Räume mit Bauklötzen nachgestellt. Im inneren Raum eines Menschen befinden sich drei Anteile, die durch Klötzchen symbolisiert werden: die Person hier und heute, das wahre Selbst und das innere Kind. Die Person hier und heute ist der Anteil, der veränderlich ist, das Ich, das im Alltag agiert. Das wahre Selbst ist der Anteil eines Menschen, der seine Würde in sich trägt, ohne daß der Mensch etwas leistet.


Der dritte innere Anteil eines Menschen ist sein inneres Kind. Das innere Kind ist bedürftig und muß geschützt werden. Gleichzeitig ist es kreativ, phantasievoll und lebendig. Im Idealfall sollten das Ich, das wahre Selbst und das innere Kind fest verbunden sein.
Bei Traumatisierten beherbergt der innere Raum nicht nur diese drei Selbstanteile. Wir finden auch das noch nicht verarbeitete Trauma als sogenanntes Trauma-Introjekt sowie das Überlebensselbst.

Damit das Gehirn nicht ständig die überwältigenden negativen Gefühle spüren muß, spaltet es diese ab und kapselt sie ein. Der Mensch geht weg von der Gefühls- auf die kognitive Ebene und entwickelt einen Überlebensmodus, ein sogenanntes „Überlebensselbst“. Das Überlebensselbst ist eine Anpassungs­leistung des Gehirns, um mit einem unverarbeiteten Trauma umzugehen. Das Konzept des Überlebensselbst bzw. „falschen Selbsts“ wurde von dem britischen Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald Winnicott in der Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt (Winnicott Studies Monograph Series, The Person Who Is Me; siehe auch Hans-Joachim Maaz, Das falsche Leben, 2017). Dass bei einem Menschen der Überlebensmodus aktiv ist, kann sich zum Beispiel darin äußern, daß er ein Helfersyndrom entwickelt, dass er sich in stressigen Situationen in Traumwelten hinein begibt oder daß er versucht, alles zu kontrollieren. Das Überlebensselbst schützt das wahre Selbst, das sonst massiv den mit dem Trauma verbundenen negativen Gefühlen ausgesetzt wäre. Das Gehirn setzt das Überlebensselbst an die Stelle der abgespaltenen Gefühle.

Das Überlebensselbst dient also dem Überleben während und nach einer traumatischen Situation. Später wirkt es allerdings meist hinderlich. Das Überlebensselbst wird aktiviert, wenn das als unverarbeitet im Gehirn abgespeicherte Trauma getriggert wird. Da der Mensch nicht mit seinen Gefühlen in Kontakt ist, spult er in bestimmten Situationen immer wieder das Überlebensmuster ab. Dieses wirkt wie ein Autopilot.

Das kann man zum Beispiel bei Paaren erkennen, die in einer bestimmten Situation immer wieder in die gleiche Konfliktschleife abgleiten. Dann kommunizieren die beiden Überlebensselbste miteinander. Der Zugang zu den Gefühlen ist in dieser Situation blockiert. Man verbleibt auf der kognitiven Ebene, auf der es keine Lösung gibt. Das Überlebensselbst hat also eine doppelte Wirkung: In einer traumatischen Situation schützt es das Ich vor starken negativen Gefühlen. Später verhindert es aber genau diesen Kontakt mit den Gefühlen und dem wahren Selbst.

Rosa Rose

In Aufstellungen mit der Methode der Systemischen Selbst-Integration wird in einem relativ festen Algorithmus Fremdes aus dem eigenen inneren Raum entfernt, zum Beispiel ein Trauma und das dazu gehörige Überlebensselbst. An deren Stelle tritt die Verbindung mit dem wahren Selbst. Am Ende wird das innere Kind begrüßt (ausführlich zur Systemischen Selbst-Integration auch Ernst Robert Langlotz, Leid in Glück verwandeln – Durch Perspektivwechsel: Stressmuster durch Aufstellungen erkennen und auflösen, 2026).


Während und im Nachgang zur Aufstellung kann das Gehirn die mit dem längst vergangenen traumatischen Ereignis verbundenen negativen Gefühle einzeln hervorholen und spüren. Dadurch wird das Trauma aufgelöst. Das Nervensystem kann sich neu ausrichten – Entspannung ist möglich!