Sich selbst finden – Individuation
Damit wir unser Potenzial leben können, ist es unsere Aufgabe, uns im Laufe unseres Lebens immer mehr mit unserem wahren Selbst zu verbinden. C.G.Jung (1875-1961), der Begründer der Analytischen Psychologie nannte diesen Prozess der Selbst-Findung und Selbst-Werdung Individuation.
Die Methode der Systemischen Selbst-Integration nach Dr. med. Ero Langlotz knüpft an den Begriff des wahren Selbsts an. In Aufstellungen mit dieser Methode wird das wahre Selbst als Teil des inneren Raumes eines Menschen aufgestellt – neben der Person hier und heute und dem inneren Kind. Aber was ist das wahre Selbst?
Was ist das wahre Selbst?
Der Begriff des wahren Selbsts ist schillernd und poetisch und lässt sich schwer fassen. Unser wahres Selbst ist das Eigentliche, das Einmalige, es sind die authentischen Bedürfnisse, Überzeugungen und Gefühle eines Menschen (Ernst Robert Langlotz, Symbiose in Systemaufstellungen, S. 23). Das wahre Selbst ist unser unveräußerlicher, unverletzbarer Wesenskern, unsere Essenz. So, wie es in Artikel 1 des Grundgesetzes heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.” Während das „Ich“ in meinem Verständnis das ist, womit wir uns bewußt identifizieren (nach Ernst Robert Langlotz, Symbiose in Systemaufstellungen, S. 26), ist das „Selbst“ die einmalige und unverwechselbare Grundmatrix einer Person (Hans-Joachim Maaz, Das falsche Leben, S. 21).
Das wahre Selbst umfaßt Bewusstes und Unbewusstes und ist zudem mit dem kollektiven Unbewußten verbunden. Es beinhaltet die Fähigkeiten und Talente, besonderen Eigenschaften und Qualitäten, die ein Mensch innehat und die bereits bei seiner Geburt angelegt sind. Das wahre Selbst ist vorhanden, bevor ein Kind ein Ich-Bewußtsein entwickelt. Das Ich als bewußter Anteil differenziert sich dann im Laufe der ersten Lebensjahre aus dem Selbst. Somit wirkt das Selbst durch das Ich, aber das Ich kann das Selbst nicht vollständig erfassen.Im Laufe unseres Lebens ist es unsere Aufgabe, uns immer mehr mit unserem wahren Selbst zu verbinden. Dann können wir immer mehr von unserem Potenzial leben. Nach Carl Gustav Jung ist es Ziel des Prozesses der Individuation des Menschen, daß dieser sein wahres Selbst als etwas Irrationales und undefinierbar Seiendes erkennt, dem das Ich anhängt ist. Das Ich rotiert gewissermaßen um das wahre Selbst, wie die Erde um die Sonne (C. G. Jung, Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten, S. 148).
Wir sollen immer mehr der oder die werden, die wir eigentlich sind, immer echter, immer mehr wir selbst, immer stimmiger mit uns selbst. Dann, so Jung, sind wir gesund und erleben unser Leben als sinnvoll (Verena Kast, Die Tiefenpsychologie nach C. G. Jung, S. 40 ff.). Individuation ist ein Prozeß und letztlich auch ein Ziel. Vollständig „ganz“ zu werden ist aber eine Utopie, die wir nie erreichen, denn ENT-Wicklung hört niemals auf.
Im Laufe des Individuationsprozesses lernen wir immer mehr Seiten an uns kennen, treten mit ihnen in Kontakt und verbinden sie mit dem Bild von uns selbst. Die Anregung dazu kann aus unserem Unbewußten oder aus der Auseinandersetzung mit unserer Mitwelt kommen. Im Laufe des Individuationsprozeß werden wir nicht nur autonomer und damit freier, sondern auch echter und gleichzeitig beziehungsfähiger (Verena Kast, Die Tiefenpsychologie nach C. G. Jung, S. 40 ff.).
Schatten – Arbeit
Um uns immer mehr mit unserem wahren Selbst verbinden, müssen wir unseren Schatten anschauen. Was ist unser Schatten? Nach C. G. Jung umfasst unser Schatten diejenigen Seiten an uns, die wir selbst nicht akzeptieren, die wir ungern nach außen zeigen, weil sie unserem Ideal von uns nicht entsprechen. Der Schatten erschließt sich erst im Gegenüber zu Idealen und Werten, die wir im Leben realisieren wollen. Im Schatten steckt oft das, was wir nicht leben durften, weil wir ein liebes Kind sein wollten. Dass wir bestimmte Aspekte nicht leben durften, kann auch auf eine Traumatisierung zurückzuführen sein.
Zum Schatten zählen auch Aspekte unseres Mensch-Seins, die uns zunächst fremd sind, bis wir sie integriert haben. Auch das gehört zum Ganzwerden als Mensch, zur Individuation: Wir bestehen nicht nur aus hellen Aspekten, sondern auch aus dunklen. Je mehr wir unsere dunklen Seiten akzeptieren und in die Verantwortung nehmen können, umso heiler und vollständiger sind wir. Unser Schatten ist vor allem auch an Konflikten beteiligt. Je mehr wir sehen, welche unbewusst schattenhaften Aspekte von uns in einer Konfliktdynamik mitgewirkt haben, umso besser können wir diese integrieren (zum Ganzen Verena Kast, Die Tiefenpsychologie nach C. G. Jung, S. 52 ff.).
Wenn wir aus unserem wahren Selbst heraus leben wollen, müssen wir alle Glaubenssätze, inneren Saboteure und Blockaden ablegen, ebenso wie alle äußeren Schutzhüllen. Außerdem geht es darum zu schauen, wo wir anderen geschadet haben, wo wir eigennützig und egoistisch gehandelt haben, wo wir andere geopfert, abgewertet, verletzt haben usw., also alle Bereiche, in denen wir selbst Täter oder Täterin geworden sind.
In der sumerischen Mythologie wurde uns ein sehr prägnantes Beispiel überliefert, wie Schattenarbeit aussieht. Die allumfassende Göttin Inanna, die Herrscherin des Himmels und der Erde, begibt sich im vierten Teil des Inanna-Mythos in die Unterwelt. Ihr Abstieg in die Unterwelt hat sicherlich viele Gründe. Einer davon ist aber, dass sie ihre Schatten anschaut – und zwar im Gegensatz zu ihrem Gatten Dumuzi freiwillig.
Selbst-Verbindung mit der Methode der Systemischen Selbst-Integration
Eine formelle Methode, die uns dabei unterstützt, uns fester mit unserem wahren Selbst zu verbinden, ist die von Dr. Ernst Robert Langlotz entwickelte Methode der Systemischen Selbst-Integration, mit der ich arbeite.
Die Methode geht davon aus, dass jeder Mensch mit einer bestimmten inneren Struktur ausgestattet ist: sein “Ich”, sein wahres Selbst und sein inneres Kind. Das “Ich” ist der Anteil, mit dem wir uns bewusst identifizieren. Das wahre Selbst ist der Wesenskern eines Menschen, das heißt der Teil, der seine Würde in sich trägt, ohne dass man etwas leisten oder gehorsam sein muss. So hat eine Rose ihre Würde einfach nur dadurch, dass sie eine Rose ist. Das innere Kind ist der Teil von uns, der lebendig ist, phantasievoll und kreativ, der aber auch bedürftig ist und geschützt werden muss.
Von der Natur ist vorgesehen, dass diese drei Teile ganz eng miteinander verbunden sind. Leider ist das in unserem Kulturkreis bei den wenigsten Menschen der Fall. Die meisten Menschen beherbergen Fremdes in ihrem inneren Raum, das während der Kindheit oder auch später im Erwachsenenalter dort hineingeraten ist. Das können fremde Personen sein oder Traumata.
Sehr viele Menschen in unserer Kultur sind traumatisiert. Traumata stammen noch vom Krieg und wurden dann über die Generationen weitergegeben. Traumatisierend ist auch lange der Umgang mit Neugeborenen, Babys und Kleinkindern und Kindern gewesen. Hinzu kommen Krankenhausaufenthalte, Unfälle, frühe Verlusterfahrungen, aber auch die Identifizierung mit verstorbenen oder ausgeschlossenen Familienmitgliedern etc.
In den Aufstellungen entfernt man nach einem relativ festen Algorithmus fremde Objekte aus dem eigenen inneren Raum. Dazu zählt auch der eigene Überlebensmodus, den man kreiert, wenn man traumatisiert wird (siehe dazu meinen Blog: Trauma – Entstehung, Wirkung, Verarbeitung). Man verbindet sich mit seinem wahren Selbst, seinem Wesenskern. Am Ende begrüßt man sein inneres Kind, den vitalen Anteil.
Wenn man sich in der Aufstellung mit seinem wahren Selbst verbindet, dann ist das oft ein Energieschub, ein Angekommensein. Manchmal tritt auch eine sehr tiefe, andächtige Stille ein.
Die Verbindung mit dem wahren Selbst bei Lao Tse
Die Verbindung mit dem wahren Selbst thematisiert auch Lao Tse (“Alter Meister”). Lao Tse war ein chinesischer Philosoph, Mystiker und Religionslehrer, der vermutlich im 6. Jahrhundert vor Christus gelebt hat. Hier der 16. Abschnitt aus dem Tao Te King, übersetzt von Tomas Kalpa (keybylion.de).
Tao Te King 16
Erreicht man die höchste Leere,
so bewahre man die völlige Stille.
Lasse dein Selbst schauen,
wie alle Dinge entstehen und wieder heimkehren.
Sie entfalten sich
und alle kehren wieder um zu ihrem Ursprung.
Zum Ursprung zurückkehren führt zur Stille.
Die Stille führt zur Bestimmung.
Die Bestimmung führt zur Heimkehr.
Die Heimkehr führt in die Ewigkeit.
Die Ewigkeit führt zur Erleuchtung.
Selbst-Findung in Märchen
Auch Märchen können uns dabei helfen, unsere Verbindung mit unserem Wesenskern zu stärken. Jedes Märchen beschreibt einen Entwicklungsprozess, durch den wir Zugang zu einer bestimmten Facette unseres wahren Selbsts finden (Marie-Louise von Franz, Die Suche nach dem Selbst, S. 9). Das wahre Selbst wird in Märchen durch Symbole verkörpert, die für eine Ganzheit stehen, zum Beispiel durch eine Rose. Eine Rose hat ihre Würde einfach dadurch, daß sie eine Rose ist. Eine Rose braucht keine Anerkennung von außen, sie benötigt niemanden, der sie bewundert: Sie ist immer schön. Auch das wahre Selbst ist aus sich heraus vollständig und vollkommen.
In Märchen gibt es manchmal auch Momente der Stille, die an die Leere und Stille erinnern, die Lao Tse erwähnt. “Stillschweigen” – das machen das Rotkäppchen und seine Großmutter im Märchen “Rotkäppchen” von den Brüdern Grimm in der Urfassung. Denn in der Urfassung gibt es nach dem uns bekannten Märchen noch einen kleinen zweiten Teil, in dem die Großmutter und das Rotkäppchen Stillschweigen, weil ein anderer Wolf vor dem Haus auf das Rotkäppchen wartet.
Stillschweigen: Welche Wohltat ist es doch, wenn man einmal nichts sagen muß, wenn man einfach nur still sein darf! Im Hier und Jetzt sein, nichts erledigen müssen, niemandem zur Verfügung stehen müssen: einfach nur SEIN. Nichts tun, nichts sagen, nur stillschweigen. Dabei kommt man bei sich selbst an. Von da aus kann man sich dem Urmeer, wo alles mit allem verbunden ist, überlassen. Denn über unser wahres Selbst haben wir auch Zugang zum kollektiven Unbewußtem.
Wenn wir uns in der Stille mit unserem wahren Selbst vereinen – so wie das übrigens auch das „Dornröschen“ tut – dann sind wir an das Göttliche angebunden. Denn das Dornröschen, als es hundert Jahre schläft, gibt sich ebenfalls ganz der Stille hin.
Als Symbol für das wahre Selbst in Märchen steht auch die Vereinigung eines Liebespaares. Denn die Sehnsucht nach Liebe und die Sehnsucht nach dem Selbst sind voneinander kaum zu trennen (Verena Kast, Die Tiefenpsychologie nach C. G. Jung, S. 50, 66). Und so vermählt sich der Held oder die Heldin am Ende eines Märchens nicht nur mit seinem menschlichen Gegenüber, sondern – auf einer höheren Ebene – auch mit seinem wahren Selbst. Bei beiden Interpretationen entsteht eine Ganzheit!
Mit der Symbolik von 11 alten Märchen aus unserem Kulturkreis sowie dem Inanna-Mythos der Sumerer befasse ich mich in meinem Buch “Die Kristallkugel – Märchen als Schlüssel zum wahren Selbst”.











