Transgenerationale Weitergabe von Traumata

Mutter mit trauriger erwachsener Tochter

Sehr viele Familien in Deutschland sind traumatisiert – durch eigene Traumata, durch übernommene Traumata oder durch eine Verbindung von beiden (siehe auch meinen Blog: Trauma: Entstehung, Wirkung, Verarbeitung). Vor allem der 2. Weltkrieg hat hier viele Ursachen gesetzt und das bekommen auch die lange nach dem Krieg Geborenen noch zu spüren.

In traumatisierten Familien geschieht die Verbindung zwischen den Generationen überwiegend durch das Leid, durch die Traumata. Aufgrund ihrer Traumatisierung können Eltern ihr Kind nicht absichtslos und ohne Bedingungen lieben. Sie sind mit ihren und übernommenen Traumata beschäftigt und daher nicht ausreichend emotional erreichbar für das Kind.

Die Erfahrung, als Kind von den Eltern rein und bedingungslos geliebt zu werden, ist aber die Quelle für den eigenen Selbstwert, für die eigene Fähigkeit, sich selbst und andere zu lieben. Diese Erfahrung ist auch die Quelle für die Fähigkeit, die eigene Kraft für sich einzusetzen, und die eigenen Grenzen zu schützen

Was ist transgenerationale Weitergabe von Traumata?

Die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft (American Psychiatric Association) definiert transgenerationales Trauma als eine Situation, in der Nachkommen von Menschen, die ein traumatisches Ereignis durchlebt haben, ähnliche negative emotionale und verhaltensbezogene Reaktionen zeigen wie diese Menschen.

Zu diesen Reaktionen gehören Gefühle von geringem Selbstwertgefühl, Depressionen, Selbstmordgedanken, Substanzmissbrauch, Dissoziation, Hypervigilanz, Gedankenschleifen, Schwierigkeiten beim Aufbau von Beziehungen und Bindungen, Schwierigkeiten bei der Kontrolle von Aggressionen sowie extreme Reaktionsmuster bei Stress. Die Auswirkungen des generationenübergreifenden Traumas zeigen sich nicht nur in emotionalen und verhaltensbezogenen Reaktionen, sondern erstrecken sich auch auf physiologische Veränderungen.

Eine Studie aus dem Jahr 2025 fand heraus, dass generationsübergreifendes Trauma Nachkommen der zweiten Generation in vielfältigen Bereichen tiefgreifend beeinflussen kann (El-Khalil, C., Tudor, D.C. & Nedelcea, C. Impact of intergenerational trauma on second-generation descendants: a systematic review. BMC Psychol 13, 668 (2025)).

Die Studie bezog sich auf kollektive Traumata, wie Krieg, Völkermord, Naturkatastrophen und systematische Unterdrückung bestimmter Bevölkerungsgruppen (Zu Kriegsschuld und Kriegstrauma aus dem 2. Weltkrieg siehe meinen Blog Kriegsschuld und Kriegstrauma – Sie dürfen auch mal vorbei sein! Zum Identitäts- und Heimatverlust der Ostdeutschen durch das kollektive Beitrittstrauma Anfang der 1990er Jahre siehe Vom Beitrittstrauma der Ostdeutschen zur Wiedervereinigung in den Herzen).

Bei Menschen, deren Eltern ein kollektives Trauma erlebt hatten, wurden traumabedingte Veränderungen in den Stressregulationssystemen und den Gehirnstrukturen beobachtet, was auf eine biologische Verankerung des Traumas über Generationen hinweg hindeutet.

Auf sozialer und zwischenmenschlicher Ebene prägte das generationenübergreifende Trauma die zwischenmenschliche Dynamik und beeinflusste die Bildung der sozialen Identität. Intergenerationell weitergegebene Traumata förderten Misstrauen, emotionale Zurückhaltung und eine erhöhte moralische Rigidität. Psychologisch zeigten die Nachkommen ein erhöhtes Maß an Leid, Angst, Depressionen und traumabedingten Symptomen. Diese hatten ihre Ursache maßgeblich in dem durch die Eltern erlebten Trauma.

Pflastersteine mit der Aufschrift "1939-45"

Epigenetische Prägungen bei transgenerationaler Weitergabe von Traumata

Auch unsere Körper speichern traumatische Erfahrungen unserer Vorfahren, denn Körper und Psyche bilden eine Einheit. Erleben wir eine traumatische Situation, wird dies in jeder Zelle unseres Körpers abgespeichert. Auch die Gene sind betroffen, wie die noch junge Disziplin der Epigenetik herausgefunden hat. Obwohl die DNA meist unversehrt ist, werden bestimmte Faktoren doch vererbt, was auf eine Vielzahl epigenetischer Prozesse zurückzuführen ist. Epigenetische Programmierungen können ganze Chromosomen ein- und abschalten.

Aber die gute Nachricht ist: Durch unsere Lebensweise können wir ein Stück weit die Gene steuern. Das haben verschiedene Zwillingsstudien ergeben. Ältere eineiige Zwillinge sind demnach trotz ihrer genetischen Identität epigenetisch umso verschiedener, je unterschiedlicher das Leben der Zwillinge verläuft. Epigenetische Mechanismen resultieren aus unserer Lebensweise, aus unseren Gefühlen und verschiedenen Umwelteinflüssen.

Außerdem ist es möglich, Trauma durch therapeutische Interventionen aufzulösen. Das wirkt dann letztendlich auch auf unsere Gene.


Aufstellung mit der Methode der Systemischen Selbst-Integration




Transgenerational weitergegebene Traumata bearbeiten durch Systemische Selbst-Integration

In einer Aufstellung mit der Methode der Systemischen Selbst-Integration kann man zunächst eigene und übernommene Traumata aus dem eigenen Raum entfernen. Damit entfällt die Verbindung zu den Eltern- bzw. Großeltern über das Leid. Danach kann man die reine absichtslose Liebe vom Wesenskern der Eltern zu seinem eigenen Wesenskern auf symbolischer Ebene spüren. Dadurch wird eine Verbindung „von Herz zu Herz“ in Liebe aufgebaut. Dies ist geradezu einer Initiation zur Liebe. Man fühlt sich wert, geliebt zu werden, auch von sich selbst. Man ist in der Lage, reine und bedingungslose Liebe auch an andere weiterzugeben, PartnerIn, Kinder, Freunde etc. Man entlässt das Schwere aus dem Körper und lässt das Lichtvolle herein. Nach und nach verändert man dadurch auch seine genetischen Anlagen und sorgt so dafür, dass man die ererbten Traumata nicht an seine Kinder und Enkel weitergibt.

Soldaten-Helm

Fallbeispiel: Conni, beide Eltern durch Krieg und Vertreibung traumatisiert

Wie man die Kriegstraumata seiner Eltern in der Kindheit übernimmt und sie ihnen wieder zurückgibt, zeigt eindrücklich ein Video auf dem Youtube-Kanal meines Ausbilders Dr. Ero Langlotz.

Triggerwarnung!


Conni hat das Gefühl, für sehr viel verantwortlich zu sein. Zum Beispiel fühlt sie ein sehr großes Verantwortungsgefühl gegenüber ihrem 23jährigen Sohn. Die Eltern von Conni wurden beide nach dem Krieg aus ihrer Heimat vertrieben und erlitten noch weitere Traumatisierungen. Die Traumata der Eltern werden durch Würfel symbolisiert. Symbolisch nimmt Conni alle Traumata in ihren Raum, um die Realität ihrer Kindheit zu rekonstruieren. Sie fühlt sich wie erschlagen von dieser Situation. Wegen ihrer schweren Traumatisierungen waren Connis Eltern so sehr mit sich beschäftigt, dass sie ihrem Kind nicht die Wertschätzung und Aufmerksamkeit schenken konnten, die es gebraucht hätte. Conni hatte nicht das Gefühl, dass sie um ihrer Selbst geliebt wurde. Sie hatte das Gefühl, sie müsste sich nützlich machen und das Schwere in der Familie mit tragen.

In der Aufstellung wird das innere Kind von Conni aus der traumatischen Situation gerettet. Es trägt erst sämtliche Traumata, sodann sagt Conni zu ihm: “Das Schmerzliche und Verwirrende von damals ist lange, lange vorbei. Wir beide haben es überlebt. Du warst da gar nicht zuständig. Du bist ganz unschuldig. Ich brauch Dich hier und heute, um endlich mein Leben feiern zu können.”

Am Ende der Aufstellung sagen die beiden Eltern: “Conni, was auch immer passiert ist, wir geben Dir gern unseren Segen. Lebe Du Dein Leben! Lebe Deine Liebe, Deine Lebendigkeit, lebe Deine Träume und Deine Kraft, Du bist frei!”

altes Fotoalbum

Fallbeispiel 2: Uropas Kriegstrauma

Wie man selbst das Trauma eines Familienangehörigen übernehmen kann, den man nicht kannte, und auch wie man sich davon lösen kann, zeigt dieses Video.

Triggerwarnung!

Andrea kannte ihren Uropa nicht. Der Uropa wurde zur Zwangsarbeit verschleppt und kehrte nicht wieder. Er war ein sehr sanfmütiger Mann. Wenn in der Familie so ein Mensch fehlt, über den auch nicht gesprochen wird, dann richtet sich viel Energie der Menschen, die ihn noch kannten, auf diesen Menschen. Es ist eine Sehnsucht da mit einer Hoffnung, Liebe zu bekommen, gerade, wenn es mit den anderen Familienangehörigen nicht so einfach ist.

So ging es vermutlich Andreas Mutter, die Kind war, als ihr Opa verschleppt wurde. Und Andrea hat diese Energie im Raum der Mutter gespürt und die Sehnsucht verbunden mit dem schweren Schicksal des Uropas auch in ihren eigenen Raum übernommen. Daher fühlt sich das Leben von Andrea oft an, als müsste sie selbst Zwangsarbeit verrichten. Sie ist oft am Schuften und bekommt wenig Anerkennung dafür.

In der Aufstellung befreit sich Andrea aus dieser Lage, würdigt den Uropa und erfährt seine ihr sehr zugewandte Haltung.

alter Vater mit erwachsener Tochter

Diese Beispiele zeigen, dass transgenerational weitergegebene Traumata aus dem eigenen inneren Raum auch wieder entfernt werden können. Das Schwere aus dem Familiensystem muss man nicht sein ganzes Leben mit sich herumschleppen. Und man bewahrt seine Kinder davor, das Schwere wiederum in ihren Raum nehmen zu müssen und an ihre Kinder weiterzugeben. Damit kann man die Kette der transgenerationalen Weitergabe von Traumata durchbrechen. Wenn das Schwere aus dem eigenen inneren Raum entfernt ist, wird das Leben leichter – eine Chance, die epigenetischen Programme statt am Leid nun an Glück, Lebensfreude und Zufriedenheit auszurichten!

Eine Tasse Kaffee mit Herzen aus Milchschaum.

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