Dornenhecke als Märchensymbol
Was bedeutet die Dornenhecke als Märchensymbol im “Dornröschen”? Um das Schloß im Märchen „Dornröschen“ wächst eine hohe Dornenhecke, nachdem das Dornröschen in ihren hundertjährigen Schlaf gefallen ist.
Zunächst einmal sehen wir an der Dornenhecke im „Dornröschen“, dass Märchen sehr alt sind. Denn die Dornenhecke erinnert an den Hag, an den eingehegten Bereich, in dem unsere Vorfahren lebten. Nachdem die Menschen in der Jungsteinzeit seßhaft geworden waren, bildeten sich die Dornenhecken als Randbiotop der kultivierten Flächen. Diese umgaben die Äcker und Weiden, aber auch die Siedlungen. Die Dornenhecke bestand aus Weißdorn, Schwarzdorn bzw. Schlehe sowie aus Heckenrosen. Die Hagedornhecke hinderte das Eindringen wilder Tiere ebenso wie der Männer und Frauen, die noch als Wildbeuter im Wald lebten. Auch Dämonen, Krankheitsgeister und andere Unholde würden – so war man überzeugt – an den spitzen Dornen hängen bleiben.
Der Hag ist der von der Hecke geschützte Bereich. An ihn erinnert noch heute das Wort „Hagebutte“ für die Frucht der Heckenrose. Eine Dornenhecke schützte bei den Kelten auch den Heiligen Hain. Sie umgab das hinter ihr liegende „Paradies“. Wer zum Paradies will, muß zuerst durch die Dornenhecke des Lebens hindurch. Es gab wohl auch einen Brauch, daß vor der Hochzeit die Braut in den Heiligen Hain ging und der Bräutigam durch die Dornenhecke hindurch zu ihr gelangen mußte.
In der Dornenhecke vereinen sich die Farben weiß, rot und schwarz, die Farben der Großen Göttin (dazu später ausführlich). Der Weißdorn, der erste Bestandteil der Dornenhecke, gilt als Inbegriff von Schutz und Sicherheit. Er schützt das Leben, aber er erweckt es auch im richtigen Moment. Am Widerstand, am Dorn, entzündet sich unser Bewußtsein. Wenn wir uns an etwas stechen, sind wir sofort hellwach. Damit sich unser Bewußtsein für die Welt öffnet, brauchen wir den Widerstand. Der Weißdorn bringt daher die Kraft der Erweckung und Bewußtwerdung (Harald Knauss, Die Botschaft der Bäume, S. 61f.).
Das zweite Gehölz der Dornenhecke, die Heckenrose, blüht am Waldessaum oder am Rand von Gebüschen. Sie verbreitet Schönheit, Lieblichkeit und Harmonie. Die Heckenrose ist Sinnbild für Herzenskraft und Wahrheit. Rosengärten waren nach den Sagen unserer Vorfahren Aufenthaltsorte der Zwerge und Elfen, die ihrer Art nach sehr freigebig und großzügig sind. Die Rose ist von weiblicher Natur, denn sie hat eine Blüte, die sich voller Hingabe öffnet. Sie kann sich aber auch verteidigen und „den Stachel löcken“. Dazu hat sie den Dorn.
Dornig ist auch die Schlehe bzw. der Schwarzdorn. Das sperrige Gehölz war bei den Kelten der Winter- und Totengöttin geweiht. Wie ein Wunder lodert im März plötzlich über Nacht aus dem schwarzen Dornengeäst eine weiße Blütenpracht hervor. Die schwarze Winter- und Totengöttin verwandelt sich über Nacht in die lebenslustige, weiße Göttin. Später, wenn das grüne Laub zum Vorschein kommt, sind die Blüten längst verblüht. Beim Aufflammen der weißen Blüten, die die schwarzen Zweige bedecken, stoßen zwei polar entgegengesetzte Prinzipien aufeinander: die kosmischen Lichtkräfte und die lebensschwangeren Erdkräfte. Der Baum steht also zwischen Leben und Tod, zwischen Winter und Sommer.
Im „Dornröschen“ klingt auch die alte Sage vom Dorngott an. Danach spaltet der Dorngott das Jahr. Er reißt mit seiner Hacke oder einem Dorn den Acker auf und legt den Samen hinein. Die Erde, das weibliche Göttliche, nimmt ihn auf und läßt ihn wachsen. Später können wir etwas ernten.

