Brüder Grimm
Dornröschen
(in der Fassung von 1837)
Das Märchen “Dornröschen” regt uns an, über die Gaben, die wir aus unserem Familiensystem erhalten haben, hinauszuwachsen und unsere ganz speziellen eigenen Gaben zu entdecken und zu verwirklichen. Außerdem sollen wir unser Schicksal annehmen und daran wachsen. Ein innerer Reifeprozess braucht Rückzug, Ruhe. Voller Hingabe dürfen wir das Künftige erwarten.
In der Urfassung des Märchens “Dornröschen” der Brüder Grimm aus dem Jahr 1812 gibt es zwei Abweichungen gegenüber der hier abgedruckten Version aus dem Jahr 1837. In der Urfassung war es ein Krebs und kein Frosch, der an Land gekrabbelt kam und die frohe Botschaft der Empfängnis verkündete. Außerdem waren es dort “Feen”, die zum Geburtsfest von Dornröschen eingeladen wurden.
Mir gefällt die Fassung aus dem Jahr 1837 besser, denn der Begriff “weise Frau” deutet darauf hin, dass es Frauen aus Fleisch und Blut sind, die dem neu geborenen Mädchen ihre guten Wünsche überbringen. Und sie sind besonders weise. Außerdem ist der Frosch ein Symbol der Transformation. Als solches kommt er auch im Märchen “Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich” vor.
Dornröschen (1837)
Vor Zeiten waren ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“, und kriegten immer keins. Da trug es sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch, und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird erfüllt werden, und du wirst eine Tochter zur Welt bringen.“
Was der Frosch vorausgesagt hatte, geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, daß der König vor Freude sich nicht zu lassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er lud nicht bloß seine Verwandten, Freunde und Bekannten, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen würden. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche. Weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, konnte er eine nicht einladen.
Die geladen waren kamen, und als das Fest vorbei war, beschenkten sie das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem, was Herrliches auf der Welt ist. Als Elfe ihre Wünsche eben getan hatten, kam die Dreizehnte herein, die nicht eingeladen war, und sich dafür rächen wollte. Sie rief: „Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.“ Da trat die Zwölfte hervor, die noch einen Wunsch übrig hatte. Zwar konnte sie den bösen Ausspruch nicht aufheben, aber sie konnte ihn doch mildern, und sprach: „Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.“ Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gerne bewahren wollte, ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreich abgeschafft werden.
An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt, denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahr alt ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren, und das Mädchen ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es aller Orten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm.
Es stieg eine enge Treppe hinauf, und gelangte zu einer kleinen Tür. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es den umdrehte, sprang die Tür auf. Da saß in einem kleinen Stübchen eine alte Frau, und spann emsig ihren Flachs. „Ei du altes Mütterchen“, sprach die Königstochter, „was machst du da?“ – „Ich spinne“, sagte die Alte, und nickte mit dem Kopf. „Wie das Ding so lustig herumspringt!“, sprach das Mädchen, nahm die Spindel, und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit.
In dem Augenblick aber, wo das Mädchen den Stich empfand, fiel es nieder in einen tiefen Schlaf. Und der König und die Königin, die eben zurückgekommen waren, fingen an, mit dem ganzen Hofstaat einzuschlafen. Da schliefen auch die Pferde im Stall ein, die Hunde im Hof, die Tauben auf dem Dach, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herd flackerte, wurde still und schlief ein und der Braten hörte auf zu brutzeln. Der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, an den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief.
Nach langen, langen Jahren kam wieder ein Königssohn durch das Land. Dem erzählte ein alter Mann von der Dornenhecke. Es sollte ein Schloß dahinter stehen, in dem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schliefe, und mit ihr der ganze Hofstaat. Er erzählte auch, daß er von seinem Großvater gehört, wie viele Königssöhne schon versucht hätten, durch die Dornenhecke zu dringen, aber darin hängen geblieben, und eines traurigen Todes gestorben wären. Da sprach der Jüngling: „Das soll mich nicht abschrecken, ich will hindurch, und das schöne Dornröschen sehen.“
Der Alte mochte ihm abraten, wie er wollte, der Königssohn hörte gar nicht darauf. Nun waren aber gerade an dem Tag, als der Königssohn kam, die hundert Jahre verflossen. Als er sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große schöne Blumen. Sie taten sich von selbst auseinander, so daß er unbeschädigt hindurch ging und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen.
Der Jüngling kam ins Schloß. Da lagen im Hof die Pferde und scheckigen Jagdhunde und schliefen. Auf dem Dach saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand. Der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das gerupft werden sollte.
Da ging der Königssohn weiter, und sah im Saal den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben beim Thron lagen der König und die Königin. Da ging er noch weiter und alles war so still, daß einer seinen Atem hören konnte. Endlich kam er zu dem Turm, und öffnete die Tür zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte. Da bückte er sich und gab ihm einen Kuß. Wie der Königssohn das Dornröschen mit dem Kuß berührt hatte, schlug es die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin, und der ganze Hofstaat, und sahen einander mit großen Augen an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dach zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher, und flogen ins Feld; die Fliegen an den Wänden krochen weiter. Das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen und der Braten brutzelte fort. Der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, so daß er schrie; und die Magd rupfte das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert. Und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.
Quelle: Wikisource
Die Symbolik des Märchens “Dornröschen” von den Brüdern Grimm deute ich – zusammen mit 11 anderen alten Märchen aus unserem Kulturkreis und dem Inanna-Mythos der Sumerer – in meinem Buch “Die Kristallkugel – Märchen als Schlüssel zum wahren Selbst”.














