Herzenszorn
Wie wichtig es gerade für Frauen ist, zu ihren Gefühlen zu stehen, und vor allem auch unsere Wut nach außen zu tragen, erklärt uns das Märchen „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“. Der Frosch wollte auf das seidene Bettchen der Prinzessin gehoben werden und sich dort mit ihr zusammen schlafen legen. Als die Königstochter nicht gleich reagierte, drohte der Frosch mit ihrem Vater. Da konnte die Prinzessin nicht anders und schleuderte den Frosch gegen die Wand! Dabei übertrat die Prinzessin die Regel des Vaters, daß man Versprechen halten muß. Das tat sie aber keineswegs leichtfertig. Denn der Frosch drängte sie mit seinem Quengeln dazu, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Er trieb die Situation auf die Spitze. Das machte er sicher nicht bewußt; er wollte einfach nur zu gern der Geselle der Prinzessin sein und in ihrem schönen seidenen Bettlein schlafen.
Das weiche Bett erinnert an die wohltuende Umgebung des mütterlichen Schoßes. Einem garstigen Frosch aber mütterliche Geborgenheit zu schenken, das kann die Prinzessin nicht leisten. Das ist zu viel verlangt als Gegenleistung für das einmalige Heraufholen der Kugel. Mit ihrem Herzen erkennt die Prinzessin das und weist den Frosch mit Gewalt zurück. Würde sie die moralischen Vorstellungen des Vaterreiches, die vorher gut waren, auch an dieser Stelle befolgen, behinderte dies ihre weitere Entwicklung. In einem Entwicklungsprozeß gibt es nichts, das absolut und für alle Zeiten gut ist. Nun ist es an der Zeit, daß sich die Prinzessin aus dem Willen das Vaters löst. Nur so wird sie selbständig, authentisch und liebesfähig. Erwachsen sind wir erst, wenn wir auch einmal etwas Verbotenes tun!
Daß die Prinzessin die väterliche Regel überschritt und ihre Wut ausdrückte, war an der Stelle richtig. Das heißt aber nicht, daß wir alles und jedes wütend gegen die Wand schleudern sollen, wenn es nur in irgendeiner Weise unserem Willen widerspricht! Da gibt es Unterschiede, denn Regeln und Ordnung sind grundsätzlich wertvoll. Das französische Wort für „Mut“ –„courage“ verdeutlicht das: Es setzt sich zusammen aus „coeur“ (Herz) und „rage“ (Zorn). „Courage“ bedeutet also sinnbildlich „Herzenszorn“. Wenn unser Herz in Flammen steht, weil uns etwas so ganz gegen den Strich geht, dann sollen wir unserem Herzenszorn Ausdruck verleihen, um uns selbst treu zu bleiben. Dann dürfen wir die bestehende Ordnung über Bord werfen. Auch im Deutschen liegen „Mut“ und „Wut“ übrigens sprachlich sehr eng beieinander (Edith Helene Dörre, Das Edelsteinfundament, S. 609).
Wenn wir unseren Herzenszorn nach außen tragen, geht die Entwicklung voran – und es kann etwas Wunderbares dabei entstehen. Im Märchen war es ein schöner Prinz und später die Fahrt in dessen Königreich. Die Erlösung erfolgte durch das Ausdrücken von Zorn. „Zorn“ – das erinnert an die Apokalypse des Johannes in der Bibel. Dort heißen die letzten sieben Wandlungsstufen die „Zornesschalen“. Die sieben Schalen des Zorns Gottes werden ausgeschüttet, damit das „neue Jerusalem” entstehen kann.
Für mich bedeuten die Zornesschalen in der Apokalypse, dass die Frauen ihre Wut über die Unterdrückung der weiblichen Energie im Patriarchat, das seit mindestens 5000 Jahren die herrschende Gesellschaftsform auf der Erde ist, ausdrücken. In unserem Kulturkreis erlebte die Abwertung der weiblichen Energie ihren Höhepunkt mit der Hexenverfolgung, die bis heute nicht aufgearbeitet ist.

