Schneewittchens Mutter
Ja, du hast richtig gelesen. In der Urfassung „Sneewittchen“ aus dem Jahr 1812 war es die eigene Mutter, die dem Schneewittchen nach dem Leben trachtete. Die Brüder Grimm bekamen nach deren Veröffentlichung offenbar starken Gegenwind aus der damaligen Gesellschaft, die meinte, so könne eine Mutter gar nicht handeln. Also ersetzten sie die Figur der Mutter durch die Stiefmutter. Leider wurde dem Märchen dadurch die heilsame Wirkung für das Unterbewußtsein genommen.
Das falsche Urbild steckt leider noch immer als vergifteter Apfelschnitz in unseren Seelen, sowohl in den Individualseelen als auch in der Kollektivseele (Edith Helene Dörre, Das Edelsteinfundament, S. 285). In der Urfassung verankert das Märchen in uns die frohe Vision, daß man trotz fehlender Mutterliebe in der Kindheit im Erwachsenenleben ein glückliches Leben führen kann! Dies gilt sowohl für Frauen als auch für Männer mit einer schwierigen Mutterbeziehung.
In Märchen stirbt oft die nährende, liebevoll-aufbauende Mutter und es erscheint eine böse Stiefmutter. Das findet normalerweise statt, wenn das Kind schon etwas älter ist. Dieser Wechsel steht dafür, daß es an der Zeit ist, die nährende Mutterhöhle zu verlassen. Diese Konstellation begegnet uns im „Aschenputtel” und im „Brüderchen und Schwesterchen”. In der Zeit der Pubertät muß die Mutter zur Stiefmutter werden, die eben auch nervt, damit das Kind in die Puschen kommt. So wie die Vogelkinder nicht fliegen lernen würden, wenn die Vogelmutter sie nicht aus dem Nest würfe.
Das Schneewittchen hatte jedoch nie eine fürsorgliche Mutter. Die Mutter steht ihr VON ANFANG AN emotional nicht zur Verfügung. Im Gegenteil, die Mutter trachtet dem Schneewittchen nach dem Leben, als es sieben Jahre alt ist. Die böse Mutter verkörpert damit im ganzen Leben des Schneewittchens und ausschließlich den schwarzen Aspekt der Großen Göttin.
Während uns beim „Brüderchen und Schwesterchen“ der weiße, lebenslustige Aspekt des weiblichen Archetyps begegnet und beim „König Lindwurm“ der rote, nährende, so symbolisiert die Mutter im „Schneewittchen“den schwarzen Wandlungsaspekt. Der schwarze Aspekt des weiblichen Archetyps umfaßt die Fähigkeit, etwas zu zerstören, damit etwas Neues entstehen kann.
Die böse Mutter von Schneewittchen sorgt von Anfang an dafür, dass das Schneewittchen in seine Kraft kommt – auch, wenn es dazu viel zu früh die Heimat verlassen muß. Im Wald rettet das Schneewittchen sein nacktes Leben, und der Rucksack mit Mutter- und Vaterkraft, den es als Wegzehrung bräuchte, ist nicht gefüllt. Die frohe Botschaft des Märchens „Schneewittchen“, vor allem für Menschen mit einer schwierigen Mutterbeziehung, ist aber, dass man auch ohne nährende Mutter und schützenden Vater in der Kindheit glücklich werden kann! Dafür zeigt das Märchen den Weg auf und verankert eine gute Vision im Herzen!

