Die Spindel als Märchensymbol
Das Spinnrad und die Spindel stehen im Märchen für das Schicksal und den Lebensfaden. Eine Spindel als Märchensymbol kommt im Märchen „Dornröschen“ und zum Beispiel auch in „Frau Holle“ oder in „Die drei Spinnerinnen“ vor. Das Spinnen, Stricken, Weben und Nähen war bei unseren Vorfahren Frauendomäne. Die Frauen saßen in den Spinnstuben zusammen und spannen gemeinsam – auch das Schicksal ihrer Männer, Kinder, der Höfe und der Gemeinschaft. „Jeder Dreh der Spindel, jeder Stich der Nadel wurde von Gedanken und Wünschen begleitet. Es wurden Gedanken der Liebe, Hoffnungen und des Segens in das Garn und in das Tuch gewirkt.“ (Wolf-Dieter Storl, Die alte Göttin und ihre Pflanzen, S. 75).
Außerdem ähnelt „Spindel“ dem Wort „Spinne“. Die Spinne spinnt einen Faden und das Spinnennetz symbolisiert das Rad des Schicksals (Jeanne Ruland, Krafttiere begleiten Dein Leben, S. 324). Durch ein Netz ist alles mit allem verbunden und auch wir sind darin eingewoben. Die Große Mutter schafft und zerstört. Die Spinne symbolisiert daher auch die Wandlungskraft.
Daß die Frauen beim Spinnen das Glück ihrer Familien und Dörfer spinnen, ist nun, nachdem der König, der Vater von Dornröschen, alle Spindeln abschaffen lassen hat, in seinem Königreich nicht mehr möglich. Mit der Vernichtung der Spindeln geht es den Menschen in seinem Königreich aber auch allein schon deshalb schlechter, weil sie die Wolle und das Leinen, die sie für ihre Kleidung, Handtücher, Bettwäsche etc. brauchen, nicht mehr selbst herstellen können. Sie müssen sie teuer aus anderen Königreichen heranschaffen. Aber das nimmt der König in Kauf. Seine Angst um seine Tochter ist größer.
Und dennoch, allem panischen Aktionismus zum Trotz: Auch der König in Person kann den Lauf der Welt nicht aufhalten. Er kann sich nicht dagegen stemmen, daß seine Tochter sich zu gegebener Zeit vom Mädchen zur Frau wandelt und dann ihren eigenen Weg geht. Und die Spindel, die der König übersieht, befindet sich in seinem eigenen Schloß, im hintersten Turmzimmer mit dem verrosteten Schlüssel. In diese Kammer hat der König wohl schon lange nicht mehr geschaut. Und genau diese Spindel wird später das Schicksal von Dornröschen erfüllen! Und so ist es oft: In unserem Inneren lauert genau die Gefahr, die wir im Außen zu bekämpfen versuchen (Edith Helene Dörre, Das Edelsteinfundament, S. 344). In die hintersten Kammern unseres Inneren schauen wir nur ungern. Wir drehen lieber den verrosteten Schlüssel herum, und hoffen, die Gefahr auf diese Weise gebannt zu haben. Die äußere Welt spiegelt uns aber nur wider, was in unserem Inneren noch unaufgeräumt ist.
Der Stich mit der Spindel: Wenn wir uns an etwas stechen, sind wir sofort hellwach. So steht eine Wunde im Märchen dafür, daß eine Verwandlung stattfinden kann. Denn um heilen zu können, müssen wir erst eine Wunde haben. Durch eine Wunde dringt die Seele ein – ohne eine Wunde, die den innersten Kern trifft, wird niemand wirklich erwachsen (Robert Bly, Eisenhans, S. 292, 304). Der Stich mit der Spindel ermöglicht die Entwicklung von Dornröschen zur Frau.

