Hundertjähriger Schlaf
Im durch die Dornenhecke geschützten Bereich, verbringt das Dornröschen seine Wandlungszeit. In „hundert Jahren“ reift es vom Mädchen zur Frau. Zwar keinen “Dornröschenschlaf”, aber eine Reifezeit verbringen auch andere Märchenfiguren, zum Beispiel der Jüngling im „Eisenhans“ im Wald, in der Küche und im Garten, das Schneewittchen im Haus der sieben Zwerge und das Aschenputtel am Herd. Es geht um einen Rückzug aus dem Alltag. Danach kehrt man seelisch gestärkt und auf einer neuen Entwicklungsstufe ins Leben zurück. Denn das Eigene zu entwickeln und zu entdecken, braucht Zeit und Ruhe. Es ist ein Prozeß, der von innen heraus stattfindet.
Auf einer anderen Ebene kann man die „hundert Jahre“ auch so verstehen, daß das Dornröschen sich ganz dem Augenblick hingibt. Bei der Hingabe spielt die Dimension Zeit keine Rolle. Man wird eins mit dem Moment, geht ganz im Hier und Jetzt auf. Da ist keine Absicht, keine Willensanstrengung. Es ist eine vollkommen entspannte und gleichzeitig klare und bewußte Art des Seins. Diese ist frei von dem Drang, irgend etwas erklären, einordnen, bewirken oder erreichen zu wollen. Dies ist eine weibliche Qualität. Der männliche Aspekt dazu ist Konzentration: Die Fähigkeit, Energie in eine bestimmte Richtung zu lenken (Christina Kessler, Herzensqualitäten, S. 112 ff.).
Geschützt durch die Dornenhecke hat das Dornröschen die Möglichkeit, sich dem Wandlungsprozeß vom Mädchen zur Frau hinzugeben. Der hundertjährige Schlaf ist nicht mit zielgerichtetem Tun verbunden. Das Dornröschen kommt zur Ruhe.
Es läßt den Dingen ihren Lauf – bis ein Impuls von außen kommt. Im Märchen kommt der Impuls in Gestalt eines schönen Prinzen. Es geht an dieser Stelle im Märchen „Dornröschen“ aber nicht unbedingt um eine Paarbeziehung. Das Thema ist auf einer anderen Ebene, aus der Hingabe an den Augenblick, aus der Verbindung mit dem eigenen wahren Selbst heraus, von der geistigen Welt den Impuls für den nächsten Schritt zu bekommen.
Äpfel und Apfelbäume kommen in einigen unserer alten Märchen vor. Am bekanntesten ist wohl das “Schneewittchen” mit der vergifteten Apfelhälfte. Im “Eisenhans” muss der Jüngling drei goldene Äpfel fangen, die die Prinzessin wirft. Im “Mädchen ohne Hände” will der Müller seinen Apfelbaum dem Teufel versprechen, aber das Versprechen betrifft dann seine eigene Tochter. Frau Holle hat einen Apfelbaum und auch bei “Der Teufel mit den drei goldenen Haaren” kommt ein Apfelbaum vor.
Was bedeuten “Apfel” und “Apfelbaum” im Märchen? Für unsere keltischen Vorfahren war der Apfel das wichtigste Obst. Er war die Speise, die während der kalten Jahreszeit gesund erhielt. Auch den Toten wurden Äpfel als Opfergaben mit ins Grab gegeben. Diese sollten die Auferstehung sichern. In der keltischen Mythologie ist der Apfel die Frucht der Unsterblichkeit, außerdem symbolisiert er Vollendung und Weisheit. Bei den Römern stand die Göttin Pomona, die Apfel-Mutter, Fruchtbarkeit, Schöpfung und Vollendung. Ein Festessen begann mit einem Ei als Symbol der Fruchtbarkeit und endete mit einem Apfel als Symbol der Vollendung. Außerdem symbolisiert der Apfel wegen seiner Rundheit auch Fruchtbarkeit und Sinnlichkeit, Ganzheit, Leben und Liebe. Die Ganzheit des Lebens besteht nicht nur aus Freude und Glück, sondern auch aus Aufgaben und Herausforderungen.
Wegen der lebensspendenden Wirkung des Apfels hatten alte (matriarchale) Göttinnen in vielen Kulturen einen Apfelgarten. Die Apfelinsel „Avalon“ ist bei den Kelten ein mystischer Ort, wie ein Paradies, wo die Zauberin Morgan lebt. Die griechische Göttin Hera besaß einen magischen Apfelgarten, in dem eine Schlange den Baum des Lebens bewachte. Das Paradies mit einem Apfelbaum und einer Schlange kommt auch in der Bibel vor – allerdings in einer Umkehrung der Symbolik (dazu später).
Auch die sumerische allumfassende Göttin Inanna hat einen Apfelbaum in ihrem Garten. Im zweiten Teil des Inanna-Mythos sitzt sie nackt an den Apfelbaum gelehnt und bestaunt ihre wundervolle Vulva.

