Tempeljungfrau
Tempeljungfrauen waren in matriarchalen Kulturen sehr wichtig. „Heilige Jungfrau“, so hießen die Priesterinnen in den Tempeln der alten Göttinnen, zum Beispiel von Inanna oder Aphrodite. Inanna hatte sehr viele Tempeldienerinnen. Im Gilgamesch-Epos der Sumerer, der ähnlich alt wie der Inanna-Mythos ist, werden sie erwähnt. Eine von Inannas Tempeljungfrauen soll Enkidu, den wilden Mann, in die Stadt bringen.
Der Dienst für die Göttin durch die Tempeljungfrauen bestand unter anderem darin, durch die sexuelle Vereinigung jedem Mann, der ihre Dienste in Anspruch nahm, den Segen der Göttin zu spenden. Die damit verbundene Aufgabe war, alles und jeden ohne Ansehen zu lieben. Im Dunkeln gaben sich die Heiligen Jungfrauen jedem Fremdling hin. Sie schulten daher Toleranz, Liebe und Hingabe (Rosina Sonnenschmidt/Harald Knauss, Die zwölf Tore zur Heilung, S. 137). Außerdem oblag es den Tempeldienerinnen, heilige Tänze aufzuführen, zu heilen und wahr zu sagen, so wie zum Beispiel die Pythia des Orakels von Delphi.
Der Beruf der Tempeljungfrau war weit verbreitet. In den Tempeln der Aphrodite dienten tausende heilige Jungfrauen gleichzeitig. Sie waren sehr angesehen. Es hieß ihre sinnliche Magie mildere das Benehmen der Männer. In einigen Kulturen war es für die Frauen sogar Pflicht, vor der Hochzeit ein paar Tage als Tempelhure zu dienen, wobei das Wort „hure“ nichts anderes als „Heilige Jungfrau“ bedeutete. Die von den Tempeljungfrauen geborenen Kinder wurden übrigens „jungfrau-geboren“ genannt. Sie galten als unter besonderem göttlichen Schutz stehend (Barbara G. Walker, Das geheime Wissen der Frauen, S. 497).
Durch die sexuelle Vereinigung mit der Tempeljungfrau begegnete der Mann der Göttin selbst. Daß jede Frau göttinnengleich, „das Leben selbst“ ist, lehrt uns auch das Tantra. Jede Frau verkörpert danach das Prinzip der Göttin Shakti, also die weibliche Kraft. „Shakti“ heißt „kosmische Energie“. Jeder Gott brauchte seine Shakti, anderenfalls war er handlungsunfähig. So gelangte auch der männliche Gott Shiva erst durch die sexuelle Vereinigung mit Shakti in seine Kraft (Barbara G. Walker, Das geheime Wissen der Frauen, S. 1010 ff.).
Und gerade weil Heilige Jungfrauen in den alten Religionen ein hohes Ansehen genossen, weil sie den Männern ermöglichten, sinnlich-göttliche Erfahrungen zu machen und sie erdeten, werteten die späteren patriarchalen Religionen diesen Beruf extrem ab. Denn in den patriarchalen Religionen erfolgt die Anbindung an den Ursprung nicht über Sinnlichkeit und Körperlichkeit, sondern im Gegenteil, durch Askese.

