Weiß, rot und schwarz
Weiß, rot und schwarz: Diese drei Farben begegnen uns im „Schneewittchen“ und auch bei den Gehölzen der Dornenhecke im „Dornröschen”. In vielen alten (matriarchalen) Kulturen beteten die Menschen eine dreifache Göttin an, deren Aspekte durch die Farben weiß, rot und schwarz symbolisiert wurden. Weiß repräsentiert den lebenslustigen, lebendigen Aspekt. Dieser umfaßt auch eine lebendige weibliche Sexualität. Rot ist der mütterliche, fürsorgliche Aspekt. Er beinhaltet sich kümmern, nähren für andere da sein. Der schwarze Aspekt beinhaltet die Wandlungskraft. Er setzt daran an, daß alles in unserer Welt vergänglich ist. Die Große Mutter schafft und zerstört. Die Große Göttin spendet Leben und nimmt es auch wieder, so wie die Erde im Herbst alles Leben in ihr Inneres holt. Im Frühjahr gibt sie das Leben wieder frei, alles wird neu geboren!
Die zyklische Erneuerung ist der männlichen Energie fremd, denn dieses ist dynamisch, zielgerichtet und entschlossen. Da im Patriarchat die männliche Energie dominiert (die in Männern und Frauen beheimatet ist), ist das Stirb und Werde unserer Kultur von der Struktur her fremd. Das Werden und Vergehen, das Zyklische, gehört zum weiblichen Prinzip. Das zeigt sich zum Beispiel am Menstruationszyklus. Der weibliche Körper bringt voller Energie zuerst eine Eizelle zur Reife. Gleichzeitig baut er die Gebärmutterschleimhaut auf. Findet keine Befruchtung statt, so stirbt die Eizelle im zweiten Teil des Zyklus ab. Die Gebärmutterschleimhaut wird wieder abgebaut. Es ist übrigens nicht vorgesehen, daß jedes Ei befruchtet wird. Hier kommt einfach die Fülle zum Ausdruck, die Mutter Erde uns schenkt und von der wir umgeben sind. Das heißt, auch das Absterben vieler Eizellen ist von der Natur so gewollt.
Das rhythmische Werden und Vergehen zeigt uns auch der Mond, der in der Astrologie – neben Venus – das weibliche Prinzip verkörpert. In einem Zyklus von circa 28 Tagen steht der Mond einmal als Vollmond in seiner vollen Kraft am Nachthimmel. Dann wiederum verbirgt er sich als Neumond oder Schwarzmond. Dazwischen nimmt der Mond zu oder ab. Einen Stillstand oder ein unendliches Wachsen oder Schrumpfen gibt es nicht.
Ebenso wußte Goethes Mephisto: „Alles was entsteht, ist wert, daß es zu Grunde geht.“ Ganz bewußt gewürdigt wird der schwarze Aspekt der Großen Göttin auch heute noch im Hinduismus. Kali Ma („dunkle Mutter“) ist die Mutter, die Leben gibt, aber es auch wieder nimmt. Obwohl die Göttin Kali oft ausschließlich als Verschlingerin und Zerstörerin dargestellt wird, vereint sie in Wirklichkeit den lebensspendenden und den zerstörerischen weiblichen Aspekt. Sie ist die Mutter, die Geburt und Tod bringt. Sie steht nicht für endgültige Zerstörung im Sinne eines dualen Verständnisses von Leben und Tod. Es geht vielmehr um das Eingebundensein in das Rad des Lebens, in ein Werden und Vergehen. Es handelt sich um einen ewigen Strom, der in einem unendlichen Zyklus Dinge entläßt und wieder aufnimmt.

