Frau Holle
In unserer patriarchalen Kultur wurde uns leider kein Urbild einer Muttergöttin vermittelt, so, wie das in alten Kulturen der Fall war. Man denke zum Beispiel an die Venus von Willendorf, die bekannte Venusfigurine aus der Altsteinzeit. Sie verkörpert meines Erachtens weniger das sexuelle Ideal einer Frau der damaligen Zeit (die Figur ist ungefähr 29.500 Jahre alt), sondern eine Muttergöttin. Bei den Ägyptern steht die Göttin Hathor, die mit Kuhhörnern dargestellt wird, für das Ur-Mütterliche.
In unseren alten Märchen hat sich eine Mutterfigur, die nährt, die Trost und Zuflucht verleiht, vor allem im Märchen „Frau Holle“ – in Gestalt von Frau Holle erhalten. Im Namen der Frau Holle klingt das alte germanische Wort für die Unterwelt “hel” an. Nach Wolf-Dieter Storl bedeutet “hel” das Verhohlene, das Verhüllte, aber auch das Helle. Denn in der hellsichtigen Schau erscheint das unterirdische Reich als lichterfüllt und hell. Menschen, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben, berichten oft von einem strahlend weißen Licht (Wolf-Dieter Storl, Die alte Göttin und ihre Pflanzen). Die christlichen Missionare übernahmen übrigens das alte Wort „hel“ und bezeichneten damit die christliche Hölle. In den alten Kulturen war die Unterwelt aber nicht böse, sondern gehörte zu einer Ganzheit dazu.
Im Märchen „Frau Holle“ begegnen wir der Erdmutter aus unserem Kulturkreis. In der Version von „Frau Holle“ von Wolf-Dieter Storl kommen übrigens nicht nur zwei, sondern drei Fruchtbarkeitssymbole vor: eine Kuh, die gemolken, ein Brot, das aus dem Ofen gezogen und ein Apfelbaum, der geschüttelt werden muß. Frau Holle ist die Wahrerin der Fruchtbarkeit. So, wie die Erde im Herbst das Leben zu sich nimmt und im Frühling neues Leben sprießen läßt. Frau Holle ist nicht gut oder böse, sie belohnt oder bestraft nicht. Am Hollentor bekommt man den Lohn, nicht direkt von ihr. Gezählt wird, ob man das getan hat, was notwendig war.
Ähnlich wie Frau Holle in der Unterwelt wohnt die Großmutter des „Teufels mit den drei goldenen Haaren“. Sie hilft dem Jüngling, seine Aufgaben zu erfüllen und heil aus der Unterwelt zurückzukehren. Auch sie ist eine Mutterfigur, von der man Zuflucht und Hilfe bekommt.
Ein anderes Märchen, in denen das Mütterliche vorkommt, ist „König Lindwurm“, ein Märchen, das in Schleswig-Holstein und Dänemark in verschiedenen Versionen überliefert wurde (dazu ausführlich im nächsten Türchen).
Ansonsten begegnet uns das Mütterlich-Nährende in Märchen manchmal in Gestalt einer Kröte, zum Beispiel in „Der Eisenofen“ oder in „Die drei Federn“. Außerdem kommt eine Ur-Mutter in Gestalt des Erdkühleins im gleichnamigen Märchen und in Gestalt einer weisen Frau in „Einäuglein, Zweiäuglein, Dreiäuglein“ von den Brüdern Grimm vor.
Das Mütterliche ist auch immer mit Mutter Erde verknüpft, die uns alle bedingungslos nährt und trägt wie ein Mutter. Für eine Erdung in Märchen stehen zum Beispiel auch die Zwerge im „Schneewittchen“.

