Warme süße Milch
Gute Mütterlichkeit in Märchen: Im Märchen „König Lindwurm“, ein Märchen aus Dänemark und Schleswig-Holstein, badet die Schäferstochter die Reste des Lindwurms, nachdem sie ihn auf ihre weibliche Art besiegt hat, in warmer süßer Milch. In diesem Märchensymbol kommt Fürsorge, Kümmern, Eingehülltsein und Mütterlichkeit ganz unmittelbar zum Ausdruck. Die Schäferstochter mußte gegen den Lindwurm kämpfen, denn er drohte, das gesamte Königreich zu vernichten, wenn er keine Frau bekäme. Der Lindwurm – hier als Vertreter der männlichen Energie – fordert eine Frau, weil er mit seiner überbordenden männlichen Energie den weiblichen Gegenpol braucht.
Als die Schäferstochter ihm den Gegenpol bietet, muß sie ihn dazu bringen, daß er alle seine sieben – in der schleswig-holsteinischen Fassung neun – Häute ablegt. Und selbst, als der Lindwurm dann nur noch als ein blutiger Klumpen Fleisch vor ihr liegt, darf die Schäferstochter ihn noch nicht trösten. Erst muß sie ihn noch in Salzlauge baden. Erst, nachdem der Lindwurm den vollständigen Wandlungsprozess durchgemacht hat, darf sie ihm Fürsorge zukommen lassen. Die Schäferstochter badet die Reste des Lindwurms in warmer süßer Milch und wickelt sie in ihre Hemden.
Dann schläft sie erschöpft ein. Als sie erwacht, liegt ein schöner Königssohn neben ihr im Bett. Welch grandiose Wandlung!
Ein anderes Märchen mit Milch als Märchensymbol ist “Das Natternkrönlein”, aufgeschrieben von Ludwig Bechstein. Die Magd füttert regelmäßig eine Schlange, vermutlich eine Ringelnatter, mit frisch gemolkener Kuhmilch. Es eine Krönleinnatter, denn sie hat eine goldene Krone auf dem Kopf. Seit die Magd die Schlange füttert, gedeihen die Kühe prächtig. Als der Bauer bemerkt, dass die Magd einer Schlange manchmal Milch gibt, jagt er sie aus dem Haus. Die Krönleinnatter flieht auch und geht mit der guten Magd. Die Magd heiratet den Sohn des Dorfschulzen und wird die reichste Frau des Dorfes.
Der geizige Bauer aber verfällt in Armut. Er muss allen seinen Besitz verkaufen, auch die Kühe, und zwar an den Schulzen. Die ehemalige Magd freut sich, dass sie sich wieder um ihre lieben Kühe kümmern kann. Die Krönleinnatter mit ihrer mütterlichen und wohlmeinenden Art wohnt in dem Stall der jungen Frau und schenkt dem ganzen Gut Friede, Glück und Gottes Segen.
Und in einer weiteren Überlieferung kommt eine Kuh mit ihrer Milch als Symbol des Genährtwerdens vor: In den Anmerkungen der Brüder Grimm zu den Kinder- und Hausmärchen Band 3 (1856) heißt es zum Märchen “Frau Holle”, dass es auch eine ähnliche Erzählung aus dem “Paderbörnischen” gibt, in dem ein “gutes” Mädchen ein Bäumchen schüttelt, eine Kuh melkt und das Brot aus dem Ofen zieht. Das “böse” Mädchen verweigert dies alles.

