Goldenes Kleid als Märchensymbol
Gold spielt in Märchen oft eine Rolle. Nun haben viele Menschen heutzutage kein besonders gutes Verhältnis zu Reichtum. Denn in unserer dualen Welt muß es, wenn es Reiche gibt, auch Arme geben. Tatsächlich ist es aber so, daß unsere Mutter Erde für alle genug bereitstellt; der Reichtum ist nur ungleich verteilt. Außerdem sind die Superreichen bekanntlich keineswegs glücklicher als der Mittelstand.
Gold im Märchen hat sowieso nichts mit einer übervollen Schatztruhe zu tun. Es ist vielmehr ein Symbol dafür, daß man sich selbst wertschätzt. Gold symbolisiert das Prinzip der Sonne, der Wärme, des Vaters, des Reichtums, aber auch das Herz (Margret Madejsky/Olaf Rippe, Heilmittel der Sonne, S. 148 ff.). Außerdem weisen uns Märchen darauf hin, daß Gold und Edelsteine, irdische Reichtümer, uns nichts nützen, wenn es um das Wesentliche am Menschsein geht. So wollen zum Beispiel die Zwerge im Märchen „Schneewittchen“ das leblose Schneewittchen nicht für Gold dem Prinzen überlassen. Erst als der Prinz ihnen seine Liebe zu Schneewittchen gesteht, darf er die junge Frau im Glassarg mitnehmen. Auch der Frosch in „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“, läßt sich nicht mit Gold und Edelsteinen abspeisen. Hätte er diese als Gegenleistung für das Heraufholen der goldenen Kugel akzeptiert, so säße er heute noch als Frosch im Brunnen. Auch in der Unterwelt zählen solche irdischen Schätze nicht. Die sumerische Göttin Inanna muß auf dem Weg zur Unterwelt alle sieben Insignien ihrer Macht ablegen. Übrig bleibt nur ihre Essenz, ihr Wesenskern. Demütig und gebeugt muß sie den Saal der Unterwelt betreten.
So, wie Silber das Metall der Weiblichkeit ist, ist Gold das Metall der männlichen Energie. Strahlen, voran gehen – dafür steht in der Astrologie die Sonne als das männliche Prinzip. Im Märchen „Das singende springende Löweneckerchen“ bekommt die Frau von der Sonne ein Kästchen geschenkt. Darin ist ein goldenes Kleid, „so glänzend wie die Sonne selber”. An dieser Stelle geht es darum, dass die Frau ihren eigenen Wert erkennt und ihn nach außen zeigt. Als sie das goldene Kleid anzieht, strahlt die Frau nach außen aus: „Ich bin wertvoll.” und „Ich weiß mich selbst zu würdigen.“
Ebenso verhält es sich beim „Aschenputtel“, das am Grab seiner Mutter erst ein silbernes und dann ein goldenes Kleid bekommt. Auch die Königstochter in „Allerleihrauh“ erstrahlt am Ende des Märchens in einem goldenen Kleid.

