Zu seinen Gefühlen stehen
Viele Märchen betonen, wie wichtig es ist, dass wir unsere Gefühle zulassen und ausdrücken. Sie beschreiben, dass jemand weint, dass jemand nicht mehr weiter kann und sich hinsetzt, um zu trauern. Dadurch schöpft er oder sie neue Kraft und die Entwicklung geht voran! Die Müllerstochter im „Rumpelstilzchen“ weint, dadurch lockt sie das Rumpelstilzchen herbei. Die Frau im „Singenden springenden Löweneckerchen“ weint, weil sie nicht mehr kann. Danach rafft sie sich auf und geht weiter. Der Dummling in „Die Bienenkönigin“ weint und dadurch ruft er die Ameisenkönigin, die ihm hilft.
Auch die Prinzessin in „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ weint, und zwar dermaßen, „dass sich ein Stein erbarmen möchte.“ Dadurch wird der Frosch auf sie aufmerksam. Hätte die Prinzessin nicht geweint, sondern wäre still nach Hause gegangen, dann säße der Frosch noch heute im Brunnen und die Prinzessin wäre nicht erwachsen und zur Königin geworden!
In unserer patriarchalen Kultur ist es nicht besonders beliebt, Gefühle zu zeigen. So ist es uns vielleicht als Kind beigebracht worden. Wenn wir hingefallen waren, wurde der Schmerz eventuell mit dem Satz: „Ist doch gar nicht schlimm.“,abgetan und uns dann ein Bonbon angeboten. Als Erwachsene sind wir dann immer noch geneigt, negative Gefühle nicht ernst zu nehmen, sondern uns mit Essen, Arbeit oder einem neuen „Spielzeug“ abzulenken. Aber wenn wir die Trauer, den Schmerz, zulassen, dann geht es uns auch bald besser.
Und nicht nur ihre Trauer um den Verlust der goldenen Kugel, sondern auch ihre Wut muss die Prinzessin im “Froschkönig” ausdrücken, um erwachsen zu werden. Und auch dadurch geht die Entwicklung voran! Nur dadurch, dass die Königstochter den garstigen Frosch gegen die Wand wirft, verwandelt er sich in einen schönen Königssohn! Der Frosch wollte auf das seidene Bettchen der Prinzessin gehoben werden und sich dort mit ihr zusammen schlafen legen. Als die Königstochter nicht gleich reagierte, drohte der Frosch mit ihrem Vater. Da konnte die Prinzessin nicht anders und schleuderte den nörgelnden Frosch gegen die Wand!
Wenn wir unseren Herzenszorn nach außen tragen, geht die Entwicklung voran – und es kann etwas Wunderbares entstehen. Im Märchen „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ wird das Wunderbare symbolisiert durch den Prinzen und die Fahrt in dessen Königreich am nächsten Tag.
Und natürlich sollen wir nicht nur unsere negativen Gefühle nach außen tragen, sondern auch unsere Freude, unser Glück und unsere Liebe. Denn uns Menschen ist eine breite Palette an Gefühlen gegeben, die wir spüren und ausdrücken sollen. Das ist ein wesentlicher Aspekt des Menschseins! Gefühle holen uns aus dem Rationalen heraus, aus dem Gedankenkreisen, aus dem Alles-Verstehen-Wollen. Sie kreieren eine Verbindung mit anderen Menschen – von Herz zu Herz!

