Die Schlange als Symbol in Märchen und Mythen
Die Schlange spielt in der Mythologie eine bedeutende Rolle. In unseren alten Märchen ist sie dagegen leider eher nebensächlich. In den Märchen, die ich in meinem Buch „Die Kristallkugel – Märchen als Schlüssel zum wahren Selbst“ deute, taucht eine Schlange an sehr verdeckter Stelle auf – nämlich im „Eisenhans“ – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes! Eine goldene Schlange zeigt sich manchmal im Brunnen mit dem goldenen Wasser, den der Junge bewachen soll. Dieses Auftauchen könnte eine Erinnerung an den sonst in unserer Kultur verschollenen Archetypen der Schlange sein. Eine überaus positive Bedeutung kommt der Schlange immerhin im Märchen „Das Natternkrönlein“ aus der Märchensammlung von Ludwig Bechstein zu. Eine Schlange, wohl eine Ringelnatter, übernimmt die Rolle des guten Hausgeists und der Versorgerin der Familie.
Im Mayakalender steht die Schlange für die Lebenskraft (Kamira Eveline Berger, Maya – Zeit, Magie, Rhythmus, S. 137). Bei den Inka symbolisiert die Schlange Wissen, Sexualität und Heilung. Sie repräsentiert die ursprüngliche Verbindung zum Weiblichen und ist daher ein Symbol für Fruchtbarkeit und Sexualität. Es geht aber nicht um Sex als solchen, sondern um die ursprüngliche Lebenskraft, die ständig auf Vereinigung und Schöpfung aus ist. Jede Zelle in unseren Körpern will sich ständig teilen und fortpflanzen. In der Natur ist die Fruchtbarkeit das kreative Prinzip des Kosmos (Alberto Villoldo, Das geheime Wissen der Schamanen, S. 189).
In der griechischen Mythologie war es ursprünglich Python, eine Schlange oder ein drachenähnliches Wesen, das das Orakel von Delphi bewachte. Apollon, der spätere Inhaber des Orakels tötete ihn. Der Name Pythia erhielt sich aber auch unter Apollons Herrschaft für die Priesterin, die das Orakel empfing. Im Tantra ist die Kundalini die aufgerollte Lebenskraft, die am unteren Ende der Wirbelsäule ruht. Ziel des sexuellen Aktes im Tantra, ist es, daß die Kundalini durch alle Chakren emporsteigt, so den Körper und den Ätherkörper mit Energie versorgt und zur Erleuchtung beiträgt.
Weil Schlangen ihre alte Haut regelmäßig abstreifen, ist die Schlange in vielen alten Kulturen ein Symbol der Erneuerung und Transformation. Im alten Ägypten gab es eine Darstellung einer Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, der Ouroborus. Hier kommt die Erneuerung in einem ewigen Kreislauf des Lebens von Werden und Vergehen zum Ausdruck. In der germanischen Mythologie ist die Midgardschlange eine die Welt umspannende Seeschlange, die im Urozean lebt. Sie symbolisiert die Kraft, die die Erde einhüllt und auch sie beißt sich selbst in den Schwanz. Die große Weltenschlange ist die Mutter, die alles gebärt und wieder verschlingt (Jeanne Ruland, Krafttiere begleiten Dein Leben, S. 296 f.).
In der Bibel ist die Schlange dagegen ein Symbol des Aufbegehrens gegen Gott sowie von Überheblichkeit, Stolz und Hochmut. Die Schlange verführt Eva dazu, vom Apfel zu essen, was am Ende zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies führt. Allerdings geht die Geschichte mit dem Apfelbaum, Eva und der Schlange im Paradies auf eine ältere Überlieferung zurück. Eva bedeutet „Mutter alles Lebendigen” auf hebräisch. So steht es auch ausdrücklich in der Bibel in 1. Mose 3, 20: „Da gab der Mann-Mensch seiner Frau einen Namen: Chawwa, Eva, denn sie wurde zur Mutter aller, die leben.” (Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache). Nach einem vorbiblischen jüdischen Schöpfungsmythos war es Eva, die die Welt und auch die Menschen erschuf, und zwar zusammen mit der Schlange. Die Namen „Chawwa” für Eva und „hewja” für Schlange ähneln sich.

